Schriftquellen.
Spurensuche in den Archiven.
Was bisher über die Geschichte der Burg bekannt ist. Wie Phantome geistern die Herren von Genkingen durch die alten Urkunden. Wer waren sie? Wie waren sie ins mittelalterliche Machtgeflecht eingebunden? Wem dienten sie, und wer diente ihnen? Was waren das für Persönlichkeiten? Bisher wurde in den Archiven nicht intensiv gesucht – auch ein Forschungsvorhaben, das wir mittlerweile angehen können.
© Kim-Melina Bertram
Wir versuchen nicht nur mit Hilfe der Archäologie in der Zeit zurückzureisen, sondern auch mit den Geschichtswissenschaften. Beide Disziplinen sollen sich in unserem Projekt gegenseitig unterstützen und ergänzen. Das klingt nur logisch, ist aber in vielen Forschungsvorhaben eher die Ausnahme. Deshalb schätzen wir uns umso glücklicher, dass uns die renommierte Gerda-Henkel Stiftung mit Sitz in Düsseldorf in ihr Förderprogramm aufgenommen hat. Genau genommen nicht uns, sondern das Institut für Landesgeschichte an der Universität Tübingen.
Drei Historiker und ein Archäologe haben sich aufgrund unserer Initiative zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. Joachim Jehn ist dabei, Stadtarchivar in Sulz am Neckar, der zu einen der wenigen zählt, der sämtliche, hierzulande gebräuchlichen mittelalterlichen Handschriften beherrscht. Der Niederadels-Experte Marco Kretschmer, der zurzeit einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen innehat. Außerdem Christian Kübler vom Institut für Landesgeschichte, der sich für das Organisatorische verantwortlich zeichnet, sowie der Archäologe und Historiker Sören Frommer, der die Erkenntnisse aus den aktuellen Forschungen am Hohengenkingen in die Arbeit miteinfließen lassen wird.
So werden wir erstmals umfänglich erfahren, was schriftlich über die Herrscher des Genkinger Burgensystems aus dem Mittelalter überliefert ist. Bisher sind nur wenige Urkunden bekannt, in denen die Herren von Genkingen erwähnt wurden. Die Arbeitsgruppe wird jetzt tiefer die Archive eintauchen. Noch einmal werden sie mit frischem Blick moderner Erkenntnisse Dokumente und Urkunden anschauen, die zum letzten und auch zum einzigen Mal vor 120 Jahren im Original gelesen wurden. Und sie werden Archive durchforsten, die bisher nicht im Kontext der Genkinger gelesen wurden. Die Forschungen werden dabei nicht nur das eine Niederadelsgeschlecht der Genkinger untersuchen, sondern auch die benachbarten Häuser, um so eine Topografie mittelalterlicher Machtentfaltung am Beispiel einer Region zu rekonstruieren.
Auszüge aus unserem Forschungsantrag:
„Forschungsvorhaben
„Die exemplarische Entwicklung der Herren von Genkingen im Wechsel zwischen Herrschaftsnähe und Herrschaftsvakuum“
Antrag Gerda-Henkel-Stiftung
Historischer Hintergrund
Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde in der älteren historischen Forschung – insbesondere in der deutschen Mediävistik – lange Zeit als Phase des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs interpretiert. Diese Sichtweise ist eng mit der traditionellen Dreiteilung des Mittelalters in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter verbunden, die wiederum stark auf die politischen Zäsuren der salischen und insbesondere staufischen Herrschaftsdynastien rekurrierte. Der Untergang der Staufer wurde dabei häufig als dramatischer Einschnitt verstanden, der zugleich das Ende des Hochmittelalters markiert habe.
In den letzten Jahrzehnten hat jedoch ein grundlegender historiographischer Paradigmenwechsel stattgefunden. Die vormals defizitorientierte Deutung als „Krisenzeit“ ist zunehmend einer differenzierteren Perspektive gewichen, welche die Epoche als Transformationsphase begreift, in der tiefgreifende Veränderungen auf verschiedenen Ebenen erkennbar werden. Klimatische Veränderungen (mittelalterliche Warmzeit), landwirtschaftliche Innovationen und ein signifikantes demografisches Wachstum führten zu wirtschaftlicher Expansion, zur Intensivierung des Handels und zur Gründung bzw. Konsolidierung zahlreicher Städte. Auch kulturell und wissenschaftlich lässt sich ein nachhaltiger Entwicklungsschub feststellen, der sich unter anderem in der Gründung der ersten europäischen Universität in Bologna (1088) manifestiert. Mit der Ausbreitung universitärer Bildung löste sich das traditionelle Bildungsmonopol des Klerus allmählich auf.
Parallel dazu beschleunigten fortschreitende Christianisierung, dynastische Verflechtungen und überregionale Kommunikationsnetze Prozesse einer frühen „Europäisierung“. Dennoch blieb die Epoche zugleich geprägt von der langanhaltenden Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Universalgewalt. Der Investiturstreit und seine langfristigen Folgen schwächten die hegemoniale Position des Heiligen Römischen Reiches erheblich; die politischen Restaurationsversuche der Staufer erwiesen sich letztlich als nicht tragfähig. Die Landesherren verschiedener Territorien nutzten diese Entwicklungen zur nachhaltigen Stärkung ihrer eigenen Machtposition.
Nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. im Jahre 1250 setzte eine Phase ausgeprägter politischer Instabilität ein, in der mehrere Thronbewerber um die römisch-deutsche Krone wetteiferten. Erst die Wahl Rudolfs I. von Habsburg im Jahre 1273 beendete dieses als „Interregnum“ bezeichnete Machtvakuum. Die Epoche war nicht nur von intensiven Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Herrschaftsträgern geprägt, sondern führte auch zur Ausbildung des Kurfürstenkollegs als exklusives Wahlgremium des Königs. Gleichzeitig kam es innerhalb der Reichsstände zu weitreichenden Neuorientierungen, häufig begleitet von gewaltsamen Konflikten. Während die Entwicklungen auf der Ebene von Königtum, Reichsfürsten und Reichsstädten aufgrund der vergleichsweise guten Quellenlage relativ gut erforscht sind, gilt dies für den Niederadel nur in begrenztem Maße.
Untersuchungsgegenstand und Forschungsbedarf
An diesem Punkt setzt das geplante Forschungsvorhaben an, das die Herren von Genkingen als exemplarische Fallstudie in den Blick nimmt. Diese Familie, deren Herkunfts- und Wirkungsraum auf der mittleren Schwäbischen Alb im Umfeld von Gammertingen lag, gehört vermutlich dem niederadeligen Milieu des deutschen Südwestens an. Die Genkinger treten im 12. Jahrhundert als Dienstleute des Markgrafen Heinrich von Ronsberg in Erscheinung, dessen Herrschaftsbereich vom mittleren Neckarraum bis in den Alpenraum reichte. Ihre in den Quellen belegte Bezeichnung als Ministeriale wurde in der älteren Forschung bislang weitgehend als eindeutiges Indiz ihrer Unfreiheit interpretiert.
Die mediävistische Forschung der letzten Jahrzehnte hat jedoch grundlegende Neubewertungen dieser sozialen Kategorien vorgenommen. Während die ältere Forschung den Adel primär nach rechtlichen Statusbegriffen – wie Herzöge, Grafen oder Ritter – klassifizierte, hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass rechtshistorische Kategorien allein kaum geeignet sind, adelige Selbstwahrnehmung, Handlungsmöglichkeiten und soziale Dynamiken im Hoch- und Spätmittelalter adäquat zu erfassen. Dies gilt umso mehr, als gerade im 12. und 13. Jahrhundert das römische Recht nördlich der Alpen durch intensivere kulturelle Kontakte und die Vermittlung oberitalienischer Rechtsgelehrter neu rezipiert wurde. Rechtliche Begriffe und Normen mussten erst wieder verstanden, gelehrt und umgesetzt bzw. institutionalisiert werden.
Diese Perspektivenverschiebung hat zu einer grundsätzlichen Neubewertung zentraler mittelalterlicher Institutionen geführt, darunter des Lehnswesens und der Stellung des Ministerialenstandes. Vor diesem Hintergrund ist eine rein juristische Einordnung der Genkinger heute weniger ertragreich. Zielführender ist die Analyse ihrer realen Handlungsspielräume:
- In welchen Formen von Abhängigkeit oder Patronage standen die Genkinger?
- Welche Herrschaftsträger bedienten sie, und welche Ressourcen erschlossen sie dadurch?
- Welche Arten von Einkünften lassen sich nachweisen?
- Welche Heiratsstrategien lassen sich rekonstruieren?
- Über welche personellen und regionalen Netzwerke verfügte die Familie?
Die Untersuchung dieser Fragen eröffnet nicht nur neue Perspektiven auf die Genkinger selbst, sondern trägt grundsätzlich zur Neubewertung der Rolle des Niederadels im Interregnum und in den Transformationsprozessen des 13. Jahrhunderts bei.
Die Genkinger eignen sich besonders für die Untersuchung dieser Fragen, weil sie früher von Umbrüchen betroffen waren als andere Adelsfamilien. Grund dafür war die Entwicklung in der Grafschaft Gammertingen, die nach dem Aussterben der Grafen von Gammertingen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zuerst unter den Erben geteilt und später vernachlässigt wurde. Die Genkinger waren so bereits um 1200 gezwungen, sich in einem unsicheren Umfeld zu behaupten.
Bislang ist völlig ungeklärt, wie die Genkinger die politischen und sozialen Umbrüche der Zeit erlebten: als Erosion vertrauter Bindungen und Patronageverhältnisse – oder als Chance zur Erweiterung eigener Machtressourcen und zur sozialen Mobilität. Einen gewissen Hinweis hierauf bietet die vermutliche Burgenbauaktivität der Familie im 12. und 13. Jahrhundert. Bis zu drei Anlagen werden ihr zugeschrieben, darunter die eponyme Burg Hohengenkingen bei Sonnenbühl, Landkreis Reutlingen.
Das geplante Projekt will diese Forschungslücke schließen und am Beispiel der Herren von Genkingen ein differenziertes Bild niederadeliger Handlungsoptionen und Anpassungsstrategien im Zeitalter tiefgreifender struktureller Veränderungen erarbeiten.
Ziele und Arbeitsprogramm
Im ersten Schritt muss eine vollständige Quellenbasis zur Familie der Genkinger hergestellt werden. Die in der Literatur erwähnten Urkunden müssen dazu im Original eingesehen und mit vollständigem Text erfasst werden. Darüber hinaus müssen die relevanten Archive auf weitere Urkunden und sonstige Schriftquellen mit Nennung der Familie von Genkingen untersucht werden. Zu berücksichtigen sind hier das Hauptstaatsarchiv Stuttgart, in dem der größte Teil der klösterlichen Überlieferung aufbewahrt wird, das Staatsarchiv Sigmaringen, das Stadtarchiv Reutlingen sowie weitere Stadt- und Gemeindearchive der Umgebung (besonders Sonnenbühl und Burladingen), lokale Adelsarchive (z. B. Familien von Ehingen, von Ow, Speth) und kirchliche Archive (Diözesanarchiv Rottenburg, örtliche Pfarrarchive). Im Ausland ist das Diözesanarchiv Chur relevant, weil dieses Schweizer Bistum ebenfalls Besitz bei Genkingen hatte. In den genannten und eventuell weiteren Archiven sind bisher unbekannte Hinweise auf die Geschichte der Genkinger zu erwarten, und es sind deshalb umfangreiche Recherchen erforderlich, die sich nicht allein auf die Familie selbst beschränken dürfen, sondern auch deren Konnubium sowie personelles Netzwerk umfassen müssen.
Auf dieser Quellenbasis wird im zweiten Schritt zum einen eine möglichst genaue Genealogie der Familie von Genkingen erstellt werden, zum anderen eine Übersicht über den Besitz der Familie in diachroner Perspektive. Ebenso ist nach den Quellen das personelle Netzwerk der Genkinger darzustellen. Gleichzeitig werden die Ergebnisse zur Besitzentwicklung und zum Netzwerk in das politische Umfeld Genkingens eingeordnet und mit der historischen Entwicklung sowohl auf regionaler als auch auf Reichsebene kontextualisiert werden.
Abschließend kann auf dieser Basis eine Neubewertung der Familie von Genkingen vorgenommen werden, die ihre Handlungsspielräume in räumlicher und politischer Hinsicht verdeutlicht und die Strategien sowie Begrenzungen bei der Ausnutzung dieser Spielräume darstellt. Diese Arbeit kann somit vor allem in methodischer Hinsicht eine Grundlage für die zukünftige Erforschung weiterer Niederadelsgeschlechter liefern und als Vorlage für solche Arbeiten dienen. Die Publikation der Ergebnisse ist kurzfristig in landeskundlichen Zeitschriften, wie der „Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte“ und den „Reutlinger Geschichtsblättern“, vorgesehen; nach Abschluss der archäologischen Forschungen werden die Ergebnisse diese Forschungsobjektes Teil der umfassenden Abschlusspublikation zur Burg Hohengenkingen.“
Was wir bisher wissen: Um 1100 wird in der Zwiefalter Kloster-Chronik des Mönches Berthold erstmals ein Herr von Genkingen genannt. Jener Rather von Genkingen, so weiß der Chronist zu berichten, war zuvor als miles, als Ritter in den Diensten des Grafen Kuno von Achalm gestanden, bevor er im Greisenalter seine Frau und seine beiden Söhne Konrad und Eberhard verlassen hat, um als demütiger Mönch ins Kloster Zwiefalten einzuziehen. Zusätzlich übertrug er seinen Landbesitz in Willmandingen und Kohlberg der heiligen Institution. Warum er dies tat, darüber kann man lediglich spekulieren. Aber die Menschen der damaligen Zeit waren, auch und gerade in Adelskreisen, von großer Frömmigkeit beseelt und schenkten der Kirche oft großen Besitz, um auf diese Weise ihr Seelenheil zu erringen.
Während des sogenannten Investiturstreits zwischen 1073 und 1122 war diese Frömmigkeit besonders verbreitet und ausgeprägt – eigentlich stritten der salische Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. darum, wer das Recht habe, Bischöfe und Äbte einzusetzen – im Grundsatz aber ging es darum, ob der Staat oder die Kirche die Vorherrschaft besaß. Die damaligen Dienstherren der Genkinger, die Grafen von Achalm, waren nun leidenschaftliche Verbündete des Papsttums und deshalb hat vielleicht auch Rather von Genkingen das Kloster Zwiefalten nicht nur mit vier Höfen reich beschenkt, sondern ist selbst in den Dienst der Kirche getreten.
Damals jedenfalls gab es vermutlich die Burg Hohengenkingen noch nicht. Da aber jener Rather in der Chronik des Klosters Zwiefalten mit dem Zusatz Genkingen benannt wurde, kann man davon ausgehen, dass der Ort für ihn und seine Familie von zentraler Bedeutung gewesen ist. Wo er dort allerdings seinen Wohnsitz genommen hatte, kann heute nur noch schwer nachvollzogen werden.
Vielleicht handelte es sich um einen so genannten Herrenhof direkt in der Siedlung, wie es zur damaligen Zeit durchaus üblich war. Auf der heutigen Gemarkung Genkingen sind noch zwei weitere frühere kleinere Burgen nachgewiesen. Da über diese bis dato jedoch keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, wissen wir nicht, wann diese entstanden sind. Die Lesefunde dort deuteten darauf hin, dass zumindest eine von ihnen im 13. Jahrhundert bewohnt war und eventuell noch vor dem Jahr 1300 wieder aufgegeben wurde. Die Gründe sowohl für das eine als auch für das andere – sie liegen im Dunkeln.
Vermutlich erst um 1200 zog die Adelsfamilie vom Tal auf den Berg über Genkingen und entstand die „neue“ Burg, der Hohengenkingen. Wo auch immer Rather von Genkingen und seine Familie letztlich ihre Bleibe hatten, alleiniger Herr ist er vor Ort nicht gewesen. Aus einer weiteren Quelle, dem so genannten codex hirsaugiensis, erfahren wir, dass ungefähr zur selben Zeit, als Rather beschlossen hat, ins Kloster Zwiefalten einzutreten, der mächtige Graf Friedrich I. von Zollern die Kirche in Genkingen und allen Besitz, den er dort hatte, an Hirsau, ein anderes einflussreiches Kloster jener Zeit im Nordschwarzwald, zu vermachen.
Damals lenkte schon seit 60 Jahren ein legendäres Herrschergeschlecht die Geschicke der deutschen Lande: die Staufer. Diese stützten sich bei der Ausübung ihrer Herrschaft vermehrt auf Dienstleute, die sie an sich banden. Ministeriale nennt man solche Gefolgsleute mit speziellen Aufgaben. Sie verwalteten etwa einen Teil des Landbesitzes ihrer Herren oder übernahmen militärische Dienste.
Es sind zwar keine direkten Angaben darüber bekannt, ob auch die Genkinger damals zu den direkten staufischen Ministerialen gehörten. Aber Urkunden bezeugen ihre Nähe zu den Grafen von Hohenberg, von Württemberg, den Herren von Ehingen und Verbindungen zu den unter Reichsvogtei stehenden Klöstern Pfullingen und Bebenhausen am Ende des 13. Jahrhunderts. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Familie der Genkinger damals zu jenem erlauchten Kreis von Adeligen angehört hat, die von der Forschung zumeist als „Reichsministerialität“ bezeichnet wird.
Aber auch in diesem Punkt stochern wir im Nebel. Zumindest ist bekannt, dass die Genkinger im 12. und 13. Jahrhundert im Gammertinger Raum, 20 Kilometer von der Burg entfernt, als Ministeriale des dortigen Herrschergeschlechtes, der Grafen von Ronsberg, später der Grafen von Berg auftraten, um deren dortigen Interessen zu vertreten.
Ein weiteres Indiz für diese gehobene Stellung der Herren von Genkingen in der Stauferzeit ist der umfangreiche Besitz, über den sie im 13. und 14. Jahrhundert verfügt haben. Es lässt sich aus den Urkunden ablesen, dass die Herren von Genkingen damals größere Teile der Umgebung von Genkingen und auch weit darüber hinaus kontrollierten. Wir wissen über Besitz bzw. einzelne Güter in Belsen, Buch, Steinshofen, Johannisweiler, Oberriexingen, Oberöschelbronn und Rottenburg.
Ihre Besitztümer befanden sich von ihrer Burg aus bis zu 90 Kilometer entfernt.
Es handelte sich hierbei meist nur um kleine Güter, die auch oft nur kurz in den Händen der Familie lagen. Man erfährt oft nur durch Verkaufsurkunden davon und man muss davon ausgehen, dass solche Besitzungen in erster Linie als Verfügungsmasse dienten und diese gegebenenfalls rasch gegen andere Güter getauscht, verkauft oder verschenkt wurden.

Auf uns Nachgeborene wirken diese Landschaften sehr fremd. Im 13. Jahrhundert gab es noch kaum „Territorien“, Räume, kontrolliert von einer Zentralmacht. Vielmehr definierte sich Macht und Zugriff über ein Gebiet über einzelne Rechte, wie das Recht auf den Zehnten, den Besitz von Leibeigenen, das Patronatsrecht für die örtliche Kirche oder die Gerichtsbarkeit für einen Ort. Je mehr solcher Rechte jemand besaß, umso uneingeschränkter beherrschte er ein Gebiet. Die Genkinger dürften sehr viele dieser Rechte im Laufe der Zeit innegehabt haben, wie zum Beispiel die Vogtei über die Kirche in Genkingen im Jahr 1300.
Ihr Vermögen speiste sich aber womöglich auch aus der strategisch günstigen Lage ihrer Burg an drei Albaufstiegen – schon damals verschafften sich die Ritter mit Zöllen oder Geleitrechten erkleckliche Nebeneinkünfte.
Im Verlauf des 14. Jahrhunderts aber drehte sich der Wind für die Herren von Genkingen. Denn zwischen 1311 bis 1316, und 1377 bis 1388 wurden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in den ständig schwelenden Konflikt zwischen den Grafen von Württemberg, der Kaiserkrone und der Schwäbischen Reichsstädte hineingezogen. Es liegt nahe, die Zerstörung der Burg in dieser Zeit nach 1377 zu verorten, als die Reichsstädte im Südwesten sich zusammengeschlossen hatten, um den wachsenden territorialen Begehrlichkeiten etwa der Grafen von Württemberg oder dem Kaiser Einhalt zu gebieten.
Sie kämpften im Schwäbischen Städtebund um ihre Freiheitsrechte – und zu diesem Zweck heuerten Reutlingen, Biberach, Ulm und rund 20 weitere Städte ein Söldnerheer an, das sich nicht auf die pure Verteidigung der Städte beschränkte. Es griff Burgen an und zerstörte sie, wie etwa auch die Burg Lichtenstein, Vorgänger des berühmten Schlosses, auf den Höhen über dem Echaztal gelegen.
Die Ritter von Lichtenstein könnten mit den Genkingern in engen Beziehungen gestanden haben. So könnten also auch beim Hohengenkingen Brandpfeile über die Burgmauer geflogen sein, und als hohe Rauchschwaden über der Anlage standen, blieb den Adligen von Genkingen und ihrem Gefolge nur noch, aufzugeben oder zu flüchten.
Es ist durchaus möglich, dass die Herren von Genkingen aufgrund der damaligen Umstände in die Defensive geraten sind und dadurch der unvermeidliche Abstieg des Hauses eingeläutet wurde, wenngleich hier sicherlich noch viele andere Faktoren eine Rolle gespielt haben werden.
Die Urkunden berichten uns in nüchternen Worten, dass das Adelsgeschlecht im Jahr 1428 die Hälfte seines Besitzes in Genkingen – genauer gesagt Gerichtsbarkeit, Weide, Zehnt, Taverne und Mühle – an das Kloster Pfullingen verkaufte oder wohl eher: verkaufen musste. Rund 20 Jahre später folgte auch die andere Hälfte. Die Genkinger hat somit dasselbe Schicksal wie so viele andere kleine südwestdeutsche Adelsfamilien im Spätmittelalter ereilt.
Für sie war im unerbittlichen Ringen um Macht und Einfluss zwischen den großen Territorialherren, Reichsstädten und Kaisern kein Platz mehr übrig. Aus den einstmals stolzen Ministerialen waren nun Bettelritter geworden.
Ein Nachhall dieses Niedergangs könnte sich auch in der Sage vom armen Burgfräulein von Hohengenkingen finden. Darin heißt es: „Dem Burgfräulein waren Vater und Mutter gestorben, und sie hatte auch sonst keine Anverwandten mehr. Da geschah es, dass eine große Teuerung über das Land kam. Das Brot wurde so rar, dass man es kaum mehr mit Geld erschwingen konnte. Das Edelfräulein musste bald ein Grundstück nach dem anderen aus ihrem elterlichen Erbe verkaufen, damit sie sich und ihre Dienerschaft ernähren konnte.“ Am Ende soll sie dem Dorf Genkingen nach ihrem Tod die Burg samt zugehörigem Wald versprochen haben, wenn sie dafür täglich einen Laib Brot und einen Krug Wasser erhalte. Die Genkinger schlugen das Angebot aus, während die benachbarten Undinger beherzt zugriffen. Das sei im Übrigen der Grund, legt die Sage nahe, warum die Ruine Hohengenkingen heute auf der Markung von Undingen liege und nicht von Genkingen.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erscheint letztmalig ein Vertreter des Genkinger Adelsgeschlechts in den Quellen, dann versiegt die Linie womöglich ganz, jedenfalls sinken die Genkinger endgültig in das Vergessen hinab.
Sic transit gloria mundi – so vergeht der Glanz der Welt.
Zeittafel
1024 bis 1125
Das Geschlecht der Salier stellt die deutschen Könige und Kaiser.
1075 bis 1122
Investiturstreit, bei dem Kaiser und Papst um die Vorherrschaft streiten
1112
Erstmals wird ein Adliger von Genkingen erwähnt: Rather von Genkingen tritt in das Kloster Zwiefalten ein.
1125 bis 1250
Die Staufer, deren Stammsitz in Hohenstaufen bei Göppingen liegt, herrschen als Kaiser über das Deutsche Reich und Italien.
Vor 1200
Die Adligen von Genkingen leben vermutlich auf einem Herrensitz oder einer kleinen Burg im Ort Genkingen.
Um 1200
Zu dieser Zeit wird vermutlich die Burg Hohengenkingen errichtet.
1190 bis 1443
Die Genkinger treten in diesen 250 Jahren ein Dutzend Mal als Zeugen oder Verkäufer von Gütern in Urkunden auf.
13. Jahrhundert
Blütezeit der Genkinger: das Adelsgeschlecht besaß umfangreiche Güter rund um Genkingen und weit darüber hinaus, etwa in Oberriexingen (Kreis Ludwigsburg) und Rottenburg am Neckar.
Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts
Die Grafschaft Württemberg weitet ihr Territorium immer weiter aus und wird zu einem zentralen Akteur im Südwesten. 1495 wird Württemberg zum Herzogtum erhoben.
1377 bis 1388
Schwäbischer Städtekrieg, bei dem rund zwei Dutzend südwestdeutsche freie Reichsstädte gegen die Angriffe etwa der Württemberger kämpfen. Im Zuge dieses Konfliktes könnte auch die Burg Hohengenkingen vom Söldnerheer der Städte zerstört worden sein.
1428
Die Genkinger verkaufen die Hälfte ihres Besitzes an das Kloster Pfullingen.
1447
Wolf von Genkingen und seine Mutter Anna verkaufen auch die zweite Hälfte des Besitzes an das Kloster Pfullingen.
Vor 1500
Letztmalig werden Angehörige der Herren von Genkingen in Urkunden erwähnt.
Verfasst von Christian Kübler & Thomas Faltin
